Mindset Monday 

Klarheit – Was für ein Wort?

Heute ist Mindset Monday und ich möchte mal wieder meine Gedanken mit euch teilen. Und zwar zu diesem Wort: „Klarheit“, bei dem sich mir mittlerweile tatsächlich die Fußnägel hochrollen, wenn ich es lese oder höre.

Omnipräsent, ist es nicht mehr wegzudenken aus unserem KI-gesteuertem Textleben. Es ist eines der Wörter, bei denen ich sofort sehe, dieser Text ist mit Hilfe von KI entstanden. Es ist für mich einfach nur generisch.

Kaum ein Text, egal zu welchem Thema, egal wo, der nicht mindestens ein Mal betont, wie wichtig Klarheit ist, als könne ein einziges Wort all die Verwirrung, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit dieser Welt auflösen. Meine Meinung: Das Wort wird inflationär benutzt, aber selten gedacht.

Denn mal ganz ehrlich: Hat zum Beispiel 2022 – also vor gerade einmal vier Jahren – irgendjemand für irgendetwas ernsthaft Klarheit gebraucht? Bezweifle ich! Heute ist es eine universelle Lösung für Lebensplanung, Mindset, Mode, Werbung, Selbstoptimierung und mehr.

Ich arbeite viel für die Hörakustikbranche und dachte natürlich auch mal, Texte könnte mir ein KI-Helferlein erleichtern. Effizient, modern, vielleicht sogar kreativ und pfiffig – alles schön und gut.

Doch dann bekam ich Slogans wie „Höre alles wieder in aller Klarheit!“ oder „Höre wieder klar und deutlich!“ ausgespuckt. Und ich kann nicht anders, als innerlich zusammenzuzucken. Wirklich? Würdest du wegen so eines Spruchs ein Hörgerät kaufen? Ich nicht. Für mich klingt das eher nach Bedienungsanleitung, vielleicht noch nach Waschmittelwerbung aber nicht nach modernem Hörkomfort. Ich bleibe lieber beim altbewährten, ehrlichen Klassiker: „Mehr Lebensqualität durch besseres Hören und Verstehen.“ Ist vielleicht auch nicht kreativ, hat aber Substanz und Aussage.

Auch wenn ich Instagram öffne, taucht Klarheit überall auf. Gerade zum Jahresanfang, bei Mindset-Themen, wo Klarheit quasi die Vorsätze von allein wahr werden lässt. Ich habe ein paar Beispiele für euch zusammengesammelt:

  • Klarheit bringt dich zurück zu dir.
  • Klarheit verändert, wie du denkst, planst und handelst.
  • Befreie deinen Kopf: durch Klarheit.
  • Mehr Klarheit. Weniger Stress.
  • 5 Schritte zu mehr Klarheit.
  • Klarheit gewinnen: Der Schlüssel zu einem erfüllten Leben.
  • Finde Klarheit in deinem Inneren.
  • Es überzeugt durch Klarheit und fachliche Tiefe.
  • Entdecke, wie Achtsamkeit dir Klarheit schenkt.
  • Klarheit ist der Schlüssel zum Erfolg.
  • In kleinen Schritten zu mehr Klarheit.

Ich könnte die Liste endlos fortsetzen, und genau das zeigt das Problem: Ein Wort, das alles und nichts bedeutet, wird überall reingestopft, bis es völlig abgelutscht ist. Genau wie so manche KI-Texte. Sie kennen keine Substanz, sondern nur Muster. Sie erzeugen Schein, wo man eigentlich Nachdenken erwarten würde. An dieser Stelle: Nichts gegen KI, oft sehr nützlich und auch ich nutze KI. Aber manchmal ist KI eben nicht die erste Wahl! Oder aber: der Nutzer hinterfragt zu wenig und macht nur „Copy and Paste“.

Selbst die Mode bleibt nicht verschont. Nehmen wir die neue Trendfarbe Cloud Dancer:

  • Cloud Dancer strahlt Klarheit und Balance aus.
  • Cloud Dancer steht für eine neue Sehnsucht nach Klarheit und Reduktion.
  • Die Nuance steht für Klarheit, Ruhe und kreativen Neuanfang.
  • Die Farbe vermittelt Klarheit ohne dabei hart zu wirken.
  • In der Farbpsychologie steht die Farbe für Ruhe, Klarheit und Gelassenheit.
  • Weiß steht für Klarheit.
    Und auch hier gäbe es unendlich viele weitere Beispiele…

Hat die deutsche Sprache nicht mehr drauf? Wo sind die vielen Möglichkeiten geblieben, um auszudrücken, was man meint, ohne immer wieder auf ein und dasselbe Wort zurückzugreifen? Ausdrucksstärke, Nuancen, Vielfalt?

Dabei hat die deutsche Sprache so viele Alternativen für Klarheit – Gewissheit, sichere Kenntnis, Einblick, Aufschluss, Deutlichkeit, Verständigkeit, Sicherheit, Schärfe, Transparenz, Plausibilität, Übersichtlichkeit, Wahrheit, Wirklichkeit, Kenntnis, Evidenz, Stringenz, Wissen, Überzeugung, Verständlichkeit, Übersicht, Durchschaubarkeit, Eindeutigkeit, Nachvollziehbarkeit, Ordnung, Präzision, Bestimmtheit, Erkennbarkeit, Relevanz, Richtung, Selbstsicherheit, innere Ordnung. Trotzdem greifen alle momentan zu diesem einen Wort. Ich verstehe das nicht!

Warum? Weil es bequem ist. Weil es überall steht. Weil die meisten Texte inzwischen nicht mehr gedacht, sondern nur noch reproduziert werden. Lemminge, Nachplapperer, Mitläufer – der Begriff Klarheit hat so viel Wiedererkennungswert, dass er jede eigene Haltung ersetzt.

Ich denke, genau hier liegt das eigentliche Problem: nicht fehlende Klarheit, sondern fehlender eigener Gedanke, fehlende Entscheidung, fehlende Haltung. Klarheit wird zum Platzhalter, der vorgibt, zu erklären, ohne wirklich etwas zu sagen. Aber propagieren wir nicht ansonsten gerade überall Eigenständigkeit, Attitüde und Diversität?

Und genau deshalb schreibe ich weiter. Auf meine Art. Mit Haltung. Ohne generische Begriffe. Mit Sprache, die nicht nur angenehm klingt, sondern wirklich meint, was sie sagt. 

Wir lassen uns mittlerweile von KI-Texteinflüssen leiten und denken viel zu wenig über Sprache nach und viele merken nicht, wie schnell ein einzelnes Wort die Stelle eigener Ausdruckskraft einnimmt. Schade.

Jetzt interessiert mich eure Sicht: Nutzt ihr das Wort Klarheit? Welche Formulierungen fallen euch ein, wenn ihr Klarheit schreibt, ohne dass es generisch klingt? Sprache ist doch Vielfalt, oder?

Und wenn ich noch eins draufsetzen hätte wollen, hätte ich am Ende geschrieben: Lasst uns zusammen/gemeinsam wieder Vielfalt in die Texte bringen.

Die Fotos zum heutigen Beitrag stammen aus einem meiner Lieblingsshootings von 2025 und wurden von Alexandra Leberle fotografiert.

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