Urlaub in Razo in Galizien
Einmal mehr raus aus der Komfortzone
Wie ihr wisst, verbringe ich meinen Alltag vorübergehend in Valencia. Aber natürlich bedeutet das nicht nur Workation, Stadt, Strand und Sonne, sondern auch, bewusst mal die Stadt zu verlassen und Neues zu sehen.
Seit ich denken kann, liebe ich die raue Atlantikküste, in Frankreich zum Beispiel. Ich könnte Stunden am Meer sitzen, auf die Wellen schauen oder den Surfern zusehen, wie sie mit den Wellen eins werden. Diese Landschaften sind oft zerklüftet, mit Buchten, Felsen… ich lieb’s einfach.
In Valencia gibt es je nach Wind auch kleinere und größere Wellen, und ich sitze oft am Strand und schaue aufs Meer, auch Surfer gibt es hier, aber die Landschaft ist flach und es ist einfach nicht dasselbe.
Yoga praktiziere ich in Valencia bei Yoga Bru. Eines Tages hing dort ein Flyer: Yoga und Surf Retiro in Razo. Ein paar Bilder dazu, und mir ging sofort das Herz auf. Ich sprach Olga, die Inhaberin, direkt darauf an und im Prinzip stand nichts im Weg. Erst später stellte sich für mich heraus, das Razo in Galizien liegt, ganz in der Nähe von A Coruña, einem Ort, der schon länger auf meiner Liste stand.

Soweit so gut, aber dann ging es los: Das Retiro (Retreat) fand in einem Hostel statt. Ich und ein Hostel? No way. Fast 60, gerade meinen ersten Single-Urlaub hinter mir, mein Experiment Valencia ist noch ganz frisch und nun soll ich in einem X-Personen-Zimmer mit wildfremden Menschen übernachten, die ich wahrscheinlich alle nicht einmal verstehe. Noch mal: no way!
Ich googelte, aber in Razo gab es keine Hotels. Olga war sehr bemüht, das für mich zu managen und am Ende wurde mir im Hostel ein Einzelzimmer mit Gemeinschaftsbad gegen ein Mini-Aufpreis zugesichert, immerhin.
Dann kam das nächste Thema: Surfen. Wellenreiten. Wie kommt man als eher unsportliche 59-jährige auf so eine Idee? Meine Freundin Madeleine meinte, das sei viel zu anstrengend, sie hätte das früher mal probiert, aber jetzt… Naja, aber wenn ich mir mal etwas in den Kopf setze, dann bleibt es dort auch.
Am Ende mußten noch An- und Abreise geklärt werden, was mich schnell daran erinnerte, dass Spanien ein ziemlich großes Land ist. Playa de Razo liegt rund 1.000 km von Valencia entfernt. Ich wollte vorher eigentlich noch A Coruña anschauen und die Ausstellung von Annie Leibovitz besuchen. Verbindung Flughafen Valencia – Flughafen A Coruña –Strecke aus dem Programm genommen. Nächster Plan: Flug nach Santiago de Compostela. Auch nicht möglich, Landebahn gesperrt wegen Renovierung. Es fühlte sich kurz so an, als würde das Ganze einfach nicht stattfinden sollen.
Also blieb der Zug. Und überraschenderweise war das eine der besseren Entscheidungen. Pünktlich, schnell, komfortabel, mit WLAN – 5,5 Stunden Fahrt, einmal umsteigen, insgesamt rund 7 Stunden unterwegs. Die Rückfahrt später dann gemeinsam mit einem Teil der Gruppe im Auto, weil es schlicht keine Flugverbindung gab.
Nach meinem Kurzaufenthalt in A Coruña wurde ich am Bahnhof vom Shuttle des Art Surf Camps Razo abgeholt und ins Hostel gebracht. Ich war die erste aus der Yogagruppe, ansonsten nur spanische Surfer, also bin ich direkt mit eingestiegen in die erste Surflesson, die an diesem Tag allerdings eher Theorie war, weil die Wellen ziemlich hoch standen.


Das Camp selbst war zweigeteilt: Hostel im Ort und Surfschule direkt am Strand. Das Hostel war schlicht, aber schön und sauber, und ich hatte mehr Glück – ich bekam tatsächlich ein Einzelzimmer und sogar mit eigenem Bad. Wir hatten Vollpension gebucht, und das Essen war für ein Hostel besser als erwartet. Keine Sterneküche, aber nach Yoga, Surfen und Strandwegen war ich ohnehin ständig hungrig, also war es genau richtig. Und das Team im Hostel vom Art Surf Camp Razo, allen voran Rubén, war immer freundlich, hilfsbereit und gut drauf!








Das Retiro bestand aus drei Yoga-Einheiten am Tag, einer Surf-Einheit, der Rest war frei für Strandpaziergänge und Wanderungen oder optionale Surfstunden. Wirklich ein wunderschönes Programm mit Raum und Zeit für mich selbst.
Und eine Gegend, die genau mein Ding war. Nicht zu warm, nicht zu kalt, viel Wind, Sonne, Regen – alles im Wechsel. Die Landschaft war ein Traum, und ich hatte zeitweise das Gefühl, ich könnte hier einfach bleiben. Junge Leute mit Camper am Strand, Surfbretter am Auto, nasse Haare, Neopren halb abgestreift, Gitarre griffbereit – dieser lässige Surfer-Vibe hat mich sehr gepackt. Vielleicht auch, weil ich so etwas in jungen Jahren nie erlebt habe.






In unserer Yogagruppe waren wir nur Frauen. Ich die Älteste, Rina 22 aus den USA die Jüngste, dazu ein paar Frauen um die 30, eine Mutter um die 40 und Olga noch keine 50. Alle haben sich wirklich bemüht, mich (sprachlich) mitzunehmen, mit Händen, Füßen und viel Humor. Rina sprach schon recht gut Spanisch, und Dani, Olgas kolumbianische Assistentin spricht sehr gut Englisch, beide haben mir öfter mal übersetzt.

Playa de Razo ist ein weltbekannter Surfer Hotspot und gehört zu Carballo, 10 km landeinwärts. Der Ort hat nicht viel zu bieten: Hostels, Ferienwohnungen, Campingplätze, Gastro, Supermarkt, aber ganz ehrlich, was braucht man mehr, wenn man diese Küste vor sich hat: Felsen, Dünen, langen Sandstrand, Meer. Wirklich ein Traum.















Wie war es für mich:
Dadurch, dass ich regelmäßig bei Olga im Yoga bin, verstehe ich ihr Spanisch inzwischen ganz gut, zumindest die wiederkehrenden Begriffe.
Herausfordernd wurde es im Retiro immer bei der dritten Einheit am Tag, Meditation oder Yoga Nidra spät abends zwischen 22:30 und 0 Uhr. Mein Kopf irgendwann voll: Englisch, Spanisch, Eindrücke, Bewegung, Surfen lernen – alles gleichzeitig. Die geführte Meditation nachts war sprachlich sowieso nur teilweise für mich zu erfassen, aber so spät fast ein unmögliches Unterfangen, und beim anschließenden Austausch konnte ich nur wenig bis nichts. Aber auch hier waren alle geduldig und schlossen mich nicht aus.
All diese Erfahrungen möchte ich nicht missen, vor allem das Sonnenaufgangs-Yoga direkt am Zipfel der Küste war etwas, das bleibt – unabhängig davon, was ich verstanden habe.









Einmal gab es einen typisch deutschen Moment: Treffpunkt 7:30 Uhr, gemeinsam zum Strand für Morning Yoga. Ich saß pünktlich im Speiseraum, fertig angezogen, Matte unterm Arm und wartete. 7:45 Uhr kam die erste WhatsApp von Olga: „¿Ya estáis todos despiertos?“ „Seid ihr schon alle wach?“ Ich saß da noch eine ganze Weile allein… Aber das ist die spanische Lebensart…


Und dann kam das Surfen. Cool – wirklich. Auch wenn es am Ende mit einem Besuch im Centro de Salud (Gesundheitszentrum) und einer kleinen Narbe am Kinn endete. Die Surfschule war sehr gut organisiert, die Lehrer jung, hübsch, charmant und witzig und alle sprachen Englisch, was für mich vieles erleichterte, vor allem wenn es um die Sicherheit ging.
Ich fühlte mich ziemlich großartig im Neoprenanzug. Der Atlantik war kalt, aber davon merkt man in Anzug nichts. Erst Übungen am Strand, dann Theorie, dann Wasser, dann Wellen. Bauchlage, Aufstehen, Balance halten. Ehrlich gesagt war ich mehr im Wasser als auf dem Brett, aber jedes kurze Stehen und ein Stück mit der Welle mitgehen war ein kleines Highlight.








Der Wellengang war für die Surferboys easy, für mich eher XXL. Und irgendwann ging alles sehr schnell: Welle, Brett, kurzer Moment unter Wasser – und mein eigenes Board traf mich im Gesicht. Glück im Unglück gehabt, Zähne waren alle noch da, aber sofort dieser metallische Geschmack nach Blut im Mund und das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt. Und wenn Wasser und Blut zusammenkommen, dann schaut es ja gleich ganz dramatisch aus.
Ganz geheuer war es mir dann aber doch nicht und ich fand mich mit blutendem Kinn und Mund in Büro der Surfschule ein, die gleichzeitig als Krankenstation fungierte. Alejandro, der Chef entschied, dass ich das Centro de Salud aufsuchen musste.
Dort begann eine kleine Odyssee zwischen Zuständigkeiten, Sprache und Entscheidungen, ich hätte nach A Coruña (kanppe Stunde) ins Krankenhaus gebracht werden sollen, bis ich irgendwann genug hatte. Olga forderte meine Dokumente zurück, Rubén fuhr uns zur Apotheke statt ins Krankenhaus, Desinfektion, Klammerpflaster, zurück ins Hostel und selbst versorgt. Heute, knapp vier Wochen später, bleibt eine kleine Narbe, die jeden Tag unauffälliger wird. Eine Erinnerung an Galizien sozusagen. Aber ich würde schon schick ausschauen mit aufgespritzten Lippen, oder?


Würde ich wieder aufs Brett steigen? Ja. Nicht, um etwas zu beweisen, sondern um keine Angst vor Brett und Wasser zu bekommen. Und weil es einfach Spaß gemacht hat.
Aber auch nur für einen Strandspaziergang würde ich sofort wieder nach Razo fahren!












Zum Abschluss musste es dann noch eine Erinnerung aus dem Shop der Surfschule sein, nur mit einer Narbe heimkehren wollte ich dann auch nicht.



Unseren letzten Abend in Razo verbrachten wir bei einem Abschiedsessen mit feinsten Meeresfrüchten in einem sehr schicken Restaurant in erster Strandlinie und beteuerten uns alle gegenseitig, im nächsten Jahr wieder mit dabei zu sein. Wir waren ja auch eine tolle Truppe.








Schließlich die Rückfahrt nach Valencia, im Auto: Start am Nachmittag um 16 Uhr, Ankunft irgendwann gegen 4 Uhr morgens in Valencia. Rund 12 Stunden Fahrt, mit kurzen Pausen, Musik von Shakira und Karol G. Olga hat die komplette Strecke alleine gefahren, Dani hat Stimmung, Olga wachhalten und Navigation übernommen, Rina und ich hinten im Halbschlaf. Am nächsten Tag war wieder Alltag angesagt.
Alles in allem war die Kombination aus Yoga Bru, an dieser Stelle herzlichen Dank an Olga und auch an Dani, und Art Surf Camp Razo genau richtig. Super Teams, nette Leute, tolles Programm, ein kleines Abenteuer für mich, das mir immer in Erinnerung bleiben wird.
Was haltet ihr von meinem kleinen Abenteuer?