Valencia Diary 

Y el tiempo pasa… – und die Zeit vergeht…

Zeit für einen neuen Beitrag im  Valencia Diary . Ich kann es selbst kaum glauben, aber gestern waren schon die ersten vier Wochen meines Valencia Aufenthaltes um. Weitere zehn sind angedacht. Zeit, mich mal bei euch etwas ausführlicher zu melden.

Wie mittlerweile sicher alle wissen: ich mache hier keinen Urlaub, sondern möchte einfach mal alleine und woanders leben. Meine Workation hier, letzten Herbst für 4 Wochen, hat so gut funktioniert, dass ich nun Valencia eben für einen längeren Aufenthalt gewählt habe.

Die hübsche Wohnung vom Herbst war zufälligerweise noch frei, könnte man fast Schicksal oder Fügung nennen. Das fühlte sich fast ein bisschen wie nach Hause kommen an. Und es gibt tatsächlich Tage, an denen ich schon mit dem Gedanken spiele, meine Zeit hier zu verlängern oder vielleicht einen längeren Auslandsaufenthalt (über drei Monate hinaus) ins Auge zu fassen. Ja, wenn man erst einmal die Komfortzone verlassen hat, wird man mutig.

Aber ganz ohne Challenges funktioniert das auch hier nicht und genau das ist auch gut so, ich möchte mit 59 ja auch nicht stehenbleiben, sondern weitergehen. Und da gehören neue Erfahrungen einfach dazu. Und davon habe ich schon einige erzählenswerte erlebt.

Ich kam hier nach den Fallas an, das größte Spektakel und Fest, das Valencia im Jahr zu bieten hat. Klar, man sollte das mindestens einmal gesehen haben, aber nicht dieses Jahr. Und dachte mir, Ende März ist perfekt, letztes Jahr über den 1. April, war es hier im Viertel El Cabanyal sehr ruhig, und angenehm.

Was ich nicht auf dem Schirm hatte: Ostern. Das war letztes Jahr später. Und hier geht Ostern einfach die Post ab und nicht nur an Ostern selbst, sondern schon die ganze Woche davor und danach. Gerade im Viertel El Cabanyal wird Tradition extrem gelebt. Gefühlt wurde hier 24/7 marschiert, getrommelt, geböllert.

Am Anfang bin ich noch mit Handy oder Kamera raus, sobald ich etwas gehört habe, auch nachts oder früh morgens. Irgendwann kam der Punkt, da konnte ich kein Getrommel mehr hören – ich habe es im Schlaf gehört, tagsüber, morgens, einfach immer…

Ostersamstag und Ostersonntag waren dann der Höhepunkt: lange Tafeln auf gesperrten Straßen, Feiern überall. Jede Straße hat hier gefühlt mindestens einen Verein, der etwas zu den Prozessionen beiträgt.

Genau da kam Wiebke aus Deutschland zu Besuch. Sie hat hier einiges erlebt: Der Taxifahrer setzte sie irgendwo ab, weil im Viertel Ausnahmezustand war und er nicht näher ans Haus kam. Gleich am ersten Abend, kaum im Bett, startete ein großes Feuerwerk – bis zwei Uhr nachts. An Schlaf war da nicht mehr zu denken. Und um 7.30 Uhr am nächsten Morgen ging es schon wieder mit den Prozessionen los.

Grundsätzlich ist man hier in Valencia sehr entspannt unterwegs, alles hat mehr Zeit. Nur beim Essen wird erstaunlich strikt in bestimmten Zeitfenstern gelebt – da ist Verlässlichkeit drin, egal was sonst passiert. Gleichzeitig muss man damit leben, dass Handwerker auch an Feiertagen auftauchen können.

Bei mir war die Dachrinne Thema. Die Handwerker kamen prompt am Ostermontag. Eigentlich vereinbart für 9 Uhr, kamen sie gegen 10 – ohne Werkzeug, begleitet von der Nachbarin zum Übersetzen. Es wurde geschaut, diskutiert, einer kletterte aufs Dach, dann der Satz: „Wir kommen in ein paar Stunden wieder.“

Ich machte deutlich, dass Feiertag ist und Wiebke und ich Sightseeing geplant hätten. Ergebnis: neuer Termin am Wochenende darauf. Pünktlich kamen Handwerker und Nachbarin mit großer Leiter – wieder ohne Werkzeug. Wieder wurde begutachtet, geredet, diskutiert, dann verabschiedet. Repariert wurde nichts. Seitdem: nichts mehr gehört.

Wiebke fuhr zurück, Ostern war vorbei, Handwerker „zufrieden gestellt“ – und ich freute mich auf einen Abend auf dem Sofa.

Und jetzt muss ich ein bisschen ausholen. Ich wohne in einem Haus mit drei Eingängen. Rechts meine Nachbarin unter mir. Links möglicherweise mehrere Einheiten, im Erdgeschoss sicher eine Ferienwohnung. Der mittlere Eingang gehört mir und M., meinem direkten Nachbarn. Keine Klingel, nur ein Klopfer, kennt ihr ja sicher an den südländischen Türen, dahinter eine enge, steile Treppe und oben zwei Türen – rechts meine, links die von M. Die Tür unten öffnen wir mit einer Technik aus einer anderen Zeit, nämlich mit einem Seil (oder wir müßten runter gehen). Bilder dazu gibt es hier im Valencia Diary Nr. 9.

Aber zurück zum Sofa. Ein Sonntag, ca. 21.30 Uhr, ich schmökerte in einem Buch. Plötzlich Klopfen unten – bestimmt und laut. Bei M. passiertet nichts. Ich erwartete niemanden. Das Klopfen wurde stärker, irgendwann so laut, als würde gleich jemand die Tür eintreten. Ich schlich mich vorsichtig ins Gästezimmer und schaute raus: Blaulicht. Klopfen und Rufen hörten nicht auf. Ich ging auf den Balkon. Polizei, Einsatzwagen. Ich bin offenbar allein im Haus und als nicht spanisch sprechende Touristin keine große Hilfe. Ich erkläre die Wohnsituation, kann aber nichts zum Verbleib meines Nachbarn sagen, den sie suchen.

Am nächsten Tag das gleiche Spiel: wieder Polizei, wieder „Sigi allein zu Haus“. Dieses Mal soll ich bei M. klopfen. Ehrlich: Ich hatte das letzte Mal im November Kontakt, seit meiner Rückkehr weder gesehen noch gehört. Er wird nun offenbar als Zeuge gesucht.

Mittlerweile habe ich seine Kontaktdaten bekommen für den Fall, dass die Polizei wieder kommt. Ich soll diese dann weitergeben. Niemand hält es für nötig, die Daten direkt zu hinterlegen oder in seine Wohnung zu schauen, ob alles in Ordnung ist. Meine Vermieterin meinte nur: „Das wird ein richtiger Krimi.“ Da sprach die Schriftstellerin aus ihr. Mir war zwischendurch eher mulmig.

Und es gab noch mehr aus den ersten vier Wochen, aus den Kategorien: Typisch Deutsch. Typisch Blond. Wer lesen kann ist klar im Vorteil. Und: Überraschungsmenü. Das schreibe ich euch die Tage noch auf.

Ich würde meine Nachbarin gerne auf einen Kaffee einladen. Nur: ich habe keinen grünen Daumen, und auf meinem Balkon brennt von ca. 12 bis 17 Uhr der Planet. Ich habe keine Ahnung, wie ich die Margarite am Leben halten soll – nach fünf Tagen sieht sie schon etwas kränklich aus. Tipps?

Übrigens: M. ist seit gestern auch wieder da, war wohl „länger“ im Urlaub. Und von meiner Nachbarin unten bekam ich als Dank für den ganzen Trubel mit Handwerkern und Polizei einen Topf Margariten geschenkt – total nett und hübsch.

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