Valencia Diary
Nur noch 4 Wochen
Ich melde mich endlich mal wieder mit dem Valencia Diary . Über 2/3 sind meines Aufenthaltes sind nun schon um, also genau 10 Wochen. Und das fühlt sich irgendwie komisch an. Ich bin jetzt nur noch 4 Wochen hier…



Mit meinem Aufenthalt hier ist es wie mit dem Leben:
Jeder Tag ist ein neuer Tag, aber im Endeffekt ist es einer weniger.
Mein Lieblingspruch gerade. Mir ist, als würde mir die Zeit davonlaufen.
Aber was euch wahrscheinlich mehr interessiert, ist, wie es mir hier ergeht und wahrscheinlich noch mehr, was diese Wochen mit mir gemacht haben, wie ich mich fühle, was ich zu erzählen habe von meiner Zeit in Valencia, von meinem „alleine im Ausland leben.“
Wirklich doof finde ich meinen Status hier: Ich bin weder Tourist, noch bin ich Expat. Also bin ich keiner Gruppe zuzuordnen, würde mich dann aber schon gerne in der Gruppe Expats sehen. Für die bin ich aber mehr oder weniger Tourist und für die Einheimischen ein Expat mehr bzw. zuviel.
Und mit dem Wissen, dass es nur noch 4 Wochen sind, fängt mein Gehirn an zu arbeiten und überlegt, ob ich nicht im Anschluss hier etwas länger als „digital nomad“ leben möchte. Mal schauen… Aber erst einmal geht’s im Juli mit Ursula @immerschick.de zum Wandern.
Ich habe mich verändert. So eine Zeit, alleine ganz woanders, macht ja auch etwas mit einem.
Ich gehöre ja schon seit einigen Jahren zu denen, die eher entspannter sind und die Dinge passieren lassen. Aber hier habe ich in der Richtung noch einiges dazugelernt und bin noch viel relaxter geworden als ich es jemals war. Wenn ich mich aber mit den Spaniern und Südamerikanern hier vergleiche, ist es noch ein langer Weg, um auf das gleiche, sagen wir es mal auf Französisch, „laissez-faire“-Niveau zu kommen.


Die zweite große Veränderung sind mein Schlaf und mein Tagesablauf. Früher kam ich jahrelang ohne Wecker mit 6 Stunden Schlaf oder weniger aus. Meine innere Uhr tickt nun anders. Jetzt schlafe ich hier teilweise 8-9 Stunden am Stück. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich in den letzten 10 Jahren mal länger als 8 Uhr im Bett lag. Meine Aufstehzeit war bis Ende März meistens zwischen 5 und 6 Uhr.
Klingt erstmal gut, aber diese Stunden fehlen natürlich irgendwo in meinem Tagesablauf. Ich muss die woanders wegnehmen. Und eingespart wird aktuell vor allem bei Instagram. Es hatte sich schon länger abgezeichnet, dass meine Euphorie dafür immer weniger wurde. Natürlich habe ich viele der Follower und Kolleginnen liebgewonnen und freue mich über den Kontakt, aber irgendwie ist die Luft raus. Und BTW: Ich mache das nicht nur zum Spaß, sondern verdiene damit teilweise meinen Lebensunterhalt.
Aber egal. Ich bin gerade tiefenentspannt. Über Instagram denke ich später nach. Lieber erzähle ich euch noch ein paar kleine Anekdoten aus den vergangenen Wochen hier.

Typisch Deutsch:
Irgendwann musste ich Bettwäsche waschen. Waschmaschine habe ich, aber wo sollte ich das riesige Bettzeug trocknen und vor allem bügeln? Hier hat man ja nur eine riesige Decke über das ganze Bett. In meinem Barrio gibt es nur Waschsalons, aber ich fand eine Wäscherei ein Viertel weiter. Die Señora dort sprach natürlich kein Wort Englisch, aber mit Händen, Füßen und Kalender klärten wir die To-Dos, Preis und Abholtermin.
Pünktlich stand ich dort zum vereinbarten Termin wieder mit einer Bettwäsche zum Waschen im Rucksack. Ich wollte tauschen. Die Señora rollte nur die Augen und meinte, ich solle morgen oder übermorgen wiederkommen. Plötzlich funktionierte mein Spanisch erstaunlich gut. Ich erklärte ihr irgendwie, dass ich den ganzen Weg aus El Cabanyal zu Fuß gekommen war (für mich 20/25Minuten, für Einheimische unvorstellbar) und nun ohne Bettwäsche dastand, weil die nächste Ladung ja schon im Rucksack zum Waschen dabeihatte. Die Señora hatte Erbarmen, schickte mich Kaffee trinken (es wurde ein Vermut) und einkaufen und anderthalb Stunden später hielt ich frisch gewaschene und glattgebügelte Bettwäsche in den Händen.






Aus der Kategorie „typisch deutsch“ passiert mir immer wieder etwas, meistens hat es mit Pünktlichkeit zu tun, nachzulesen auch im Yoga-Surf-Retiro. Dort fanden es meine Kolleginnen auch total befremdlich, dass man in Deutschland an Sonntagen keine Flaschen in die Container werfen darf. Was wenn du Samstag eine Party hast????
Letzte Woche wollte ich eine Reise buchen, bin dann mit dem Flyer in die Travel Agency, da auf Vorder- und Rückseite zwei unterschiedliche Termine standen und es mich schon interessiert hätte, wann und wie lange die Reise denn nun genau ist. Rafa, mein Ansprechpartner, schaute sich das an, scrollte an seinem Rechner durchs pdf der Reise, lachte dann und sagte: typisch deutsch! Weder die Travel Agency noch die Kunden hatten das bislang bemerkt. Das lasse ich mal so stehen…


Ich schreibe seit zwei Tagen mit einem sympathischen Mann, den ich im wirklichen Leben kennengelernt habe, und da kam in der Konversation auch schon ein paar Mal typisch deutsch (also innerhalb von zwei Tagen) vor. Ich glaube die Welt sieht uns als superkorrekt und Spaßbremsen. Das ich nicht albern sein kann, wird mir eh öfter nachgesagt. Wen stört’s?
Typisch Blond:
Bei einem privaten Wein-Tasting lernte ich die Holländerin Fabia kennen. Ebenfalls blond. Wir stellten fest, dass wir beide in El Cabanyal wohnen und machten uns gemeinsam auf den Heimweg. Unser Gastgeber erklärte uns noch brav Metro-Linien und Richtungen und wir marschierten in den Untergrund, beide noch nicht wirklich Metro-erfahren in Valencia, was eigentlich auch nicht schwierig ist.
Wir quatschten über Modeln und Instagram, setzten uns an ein Gleis und saßen dort eine halbe Stunde später immer noch. Die Metro kam nicht. Jede verließ sich auf die andere. Wir hatten uns vor lauter quatschen einfach irgendwo hingesetzt und würden wahrscheinlich heute noch auf die Linie 5 warten, die dort nie fuhr…



Wer lesen kann, ist klar im Vorteil:
Da ich hier keinen Urlaub mache, koche ich ein paar Mal die Woche selbst. Irgendwann fiel mir auf, dass mein Kühlschrank nach Knoblauch roch, obwohl ich gar keinen gekauft hatte. Auch geschmacklich war manchmal so eine leichte Knoblauchnote in meinen Gerichten vorhanden. Ich fand das seltsam. Bis ich irgendwann ein kleines Zettelchen an meinen Frühlingszwiebeln bewusst wahrnahm: „El tio de los ajos. Ajos tiernos.“. Und ajo heißt bekanntlich Knoblauch. Ich wieder…

Und wisst ihr was, mir ist das alles weder peinlich noch unangenehm. Ich finde es witzig und kann schon immer über mich selbst lachen. Und gerade mit der Sprache passieren immer wieder irgendwelche Sachen. Ich komme zur falschen Uhrzeit oder am falschen Tag zum Termin oder ich verstehe etwas total anders als gesagt wurde, weil ich mir mit meinem Halbwissen, den Rest einfach zusammenreime und nicht immer richtig liege. Da kann es lustige und peinliche Situationen geben. Wie die Kette, die ich mir kaufte, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass die Designerin einen negativen Lebensspruch darauf getengelt hat. Falls die jemand haben möchte…

Das Überraschungsmenü:
Im April gab es in besonderen Restaurants in Valencia Degustationsmenüs zum Sonderpreis. Julia und ich landeten eher zufällig in einem Restaurant, und zwar im Cocleque, das wir beide nicht kannten. Gruß des Hauses, Vorspeisen und Fischgericht waren fantastisch. Dann kam der vermeintliche Fleischgang. Auf meinen Bildern sieht es aus wie Lasagne (nicht im Bild!). In Wirklichkeit war das Ganze eine Mischung aus wabbelig, fettig und gleichzeitig zäh wie Schuhleder. Wir konnten es nicht essen, wussten aber auch nicht, wie wir das elegant lösen sollten.
Also fragte Julia den Koch, was das eigentlich sei. Schweineohren. Für uns beide ein absolutes No-Go. Der arme Koch war völlig betrübt, weil das wohl seine große Kochkunst war, aber er reagierte unglaublich herzlich, verschwand wieder in der Küche und zauberte uns etwas Köstliches Vegetarisches mit Blumenkohl. Auch das Dessert war dann wieder eine sehr angenehme Überraschung. Andere Länder, andere Gerichte.






Und dann wäre da noch die geschenkte Margarite von meiner Nachbarin. Mein nicht-grüner Daumen und sie wurden einfach keine Freunde. Ich hatte gehofft, dass die Margarite meine Woche in Galizien nutzt, um sich zu erholen, aber danach sah sie noch trauriger aus. Zum Glück kamen meine Mutti und ihr Freund Uli nach Valencia. Uli schnitt die Margarite zurück, erklärte mir den perfekten Standort („Auf den Tisch und den Tisch nicht umstellen!“) und die richtige Wassermenge. Problematisch: Vom Tisch habe ich die Margarite mittlerweile verbannt, denn da hacke ich gerade diesen Text in meinen Laptop und trotzdem sieht sie schon wieder ganz gut aus!

Mein Leben hier gefällt mir, ich habe meine Routinen, Lieblingslokale, kenne ein paar Leute, habe das Meer und den Strand vor der Tür und bin frei, so frei, wie ich es noch nie in meinem Leben war. Das heißt im Umkehrschluss nicht, dass das, was ich vorher hatte und wie ich vorher gelebt hatte, schlechter war. Es war anders.
Und mit dieser neuen Freiheit meine ich nicht unbedingt die Freiheit, was Partnerschaft, Familie, Job, Finanzielles oder Verpflichtungen angeht. Nein, ich meine damit die innere Freiheit und die Dankbarkeit, die damit einher geht. Aber auch die Freiheit, mich für nichts, aber auch gar nichts, rechtfertigen zu müssen, außer ich würde meine Miete nicht zahlen und meine Remote Arbeit nicht rechtzeitig abgeben. Egal, ob ich den ganzen Tag im Schlafanzug rumlaufe, mir unter der Woche ein 5-Gänge-Menü koche, spontan in Urlaub fahre, und, und, und…
Ich habe hier auf dem Blog schon oft über Freiheit und meine Gedanken dazu geschrieben, aber mit der persönlichen Weiterentwicklung entwickeln sich auch die Gedanken weiter. Wahre Freiheit liegt darin, über mich und mein Leben selbst zu entscheiden, mich nicht zu verstellen, sondern authentisch zu sein und mich nicht nach anderen zu richten. Alles, was ich brauche, finde ich in mir selbst. Also fast, denn ein bisschen Geld brauchts schon auch, um zu wohnen, zu leben und vielleicht auch mal neue Schuhe zu kaufen und dafür muss man arbeiten, da Geld bekanntlich nicht auf Bäumen wächst.


Die wichtigsten Fragen, abgesehen von den großen Fragen, waren in den letzten Wochen:
3 x 3 Fragen:
Sigi,
was sind deine Fehler? Was sind deine Schwächen? Wo sind deine Grenzen?
Ich bin so frei, dass ich mir Fehler, Schwächen und Grenzen zugestehe, ich kann nicht alles wissen, kennen, können, wollen. Und kann das ohne Probleme kommunizieren, wenn es relevant ist oder wird.
Was erlaubst du Dir selbst? Wo schränkst du dich ein? Was hält dich gefangen?
Ich würde sagen, ich erlaube mir alles, was mein Herz sich wünscht, hat diese Art von erlauben oder einschränken nichts mit Geld zu tun. Gefangen hält mich manchmal mein eher schüchternes Wesen und der Gedanke, dass ich mir wünsche, dass mein Inner Circle einverstanden ist. Und das ist die Crux, denn ich habe ja sogar meine Kinder nach dem Motto: „Wir schämen uns für nichts, nichts was wir denken, sagen, fühlen oder tun. Nicht für die, die wir sind.“ erzogen. Und ich bin ehrlich. Ich möchte hier in Valencia bleiben, aber der Gedanke wie die drei der vier wichtigsten Menschen in meinem Leben das bewerten (könnten), lässt das Projekt gerade noch schweben.
Was erfüllt dich? Was gibt deinem Leben Sinn und Freude? Wie willst du deine Energie und Zeit einsetzen?
Es gibt vieles, was meinem Leben Freude gibt, das mit dem Sinn, habe ich noch nicht wirklich für mich definiert. Da denke ich noch drüber nach. Meine Energie und Zeit möchte ich nicht verschwenden, aber im Großen und Ganzen sollen beide dazu beitragen, mich glücklich zu machen. Und das betrifft dann am Ende wieder alles im Leben: die Arbeit, die Beziehungen usw. Und damit sind wir dann wieder am Anfang oder so schließt sich der Kreis, denn Glück liegt wie Freiheit in einem selbst.


Das sind gerade die Dinge, die mich beschäftigen und noch ein paar mehr, aber im Großen und Ganzen lasse ich das Leben einfach laufen und bin gespannt, was noch kommt. Ich freue mich auf jeden einzelnen Tag meiner nur noch 28 Tage hier.
Die Fotos in Jeans und schwarzem T-Shirt sind wieder von Brandon Jackson.
Was bedeutet für euch Freiheit und was ist für euch typisch deutsch?